生き甲斐
die japanische formelle Schreibweise für Ikigai, was übersetzt so viel bedeutet wie „Sinn des Lebens“ oder „das, wofür es sich zu leben lohnt“
Das Leben ist für uns wie eine Entdeckungsreise zu uns selbst. Dabei treffen wir immer wieder auf neue Menschen, Sichtweisen und Perspektiven die uns bislang noch nicht bekannt waren. So finden wir auch immer wieder Parallelen zu uns bereits bekannten Lebensweisheiten, wie der pomalo pomalo-Philosophie, die uns immer wieder aufs Neue daran erinnert, unsere Dinge „Schritt für Schritt“ mit Bedacht und ohne Zeitdruck zu erledigen.
Die japanische Lebenskunst „Ikigai“
Wie es das Schicksal so will, sind wir über die japanische Lebenskunst „Ikigai“ gestolpert und haben sofort eine starke Verbindung zu dem verspürt, was auch wir mit unserem „pomalo pomalo-Projekt“ vermitteln wollen. Ikigai kann als „Sinn des Lebens“ interpretiert werden. Insofern ist Ikigai das, wofür es sich zu leben lohnt. Dieses Thema hat uns in seinen Bann gezogen und daher wollen wir über unsere Erfahrungen damit berichten.
Ikigai verstehen
Ikigai ist nicht immer leicht zu erklären, speziell wenn Menschen mit diesem Wort noch wenig anfangen können. Selten ist Ikigai ein einzelner konkreter „Job“ oder eine spezielle Aufgabe. Ikigai ist eher als eine Richtung zu sehen, wie man lebt.
Zum Beispiel findet man Ikigai beim:
- Lernen
- Erschaffen
- Helfen
- Verstehen
- Verbessern
Die offensichtliche Aufgabe – der Job – ist nur ein Ausdruck von Ikigai. Beispielsweise kann ein Busfahrer sein Ikigai beim Fahren seines Busses haben, der Sinn dahinter ist das Gefühl anderen Menschen dabei zu helfen, dass Sie rechtzeitig in die Arbeit kommen. Auch Sanitäter können ihr Ikigai beim Helfen in Notsituationen ausleben, genauso wie Ärzte, Krankenschwestern und Ploizisten darin ihre Berufung sehen, etwas Sinnvolles beizutragen.
Ikigai Test
Dieser eine Satz ist oft der Kern deines Ikigai. Vervollständige für Dich spontan folgenden Satz:
„Es lohnt sich zu leben, wenn ich …“
Nicht logisch antworten, sondern intuitiv.
Die fünf Säulen des Ikigai
Der japanische Neurowissenschaftler und Autor Ken Mogi hat in seinem erfolgreichen Buch Ikigai vom Dumont Buchverlag die fünf Säulen des Ikigai beschrieben:
- Klein anfangen
- Loslassen lernen
- Harmonie und Nachhaltigkeit leben
- Die Freude an kleinen Dingen entdecken
- Im Hier und Jetzt sein
Diese fünf Säulen des Ikigai haben uns auf einer ganz besonderen Ebene tief berührt. So wie auch unser pomalo pomalo-Projekt hier wie ein kleines Pflänzchen „Schritt für Schritt“ mit Liebe, Bedacht und ohne Druck heranwächst, so spiegelt sich unser ganzes Leben und Handeln in den fünf Säulen des Ikigai wieder. Der allseits bekannte Spruch „Der Weg ist das Ziel“ stellt für uns ebenfalls einen Teil der Ikigai Lebenskunst dar. Erfolgreiche Menschen, die den Weg als Ziel für sich erkannt haben, sind bereits in gewisser Weise im Hier und Jetzt angekommen. Diese Menschen suchen nicht – sie handeln – und das nach ihren Vorstellungen, gehen ihren eigenen Weg der Bestimmung. Diese Menschen leben in gewisser Weise in Freiheit und Unabhängigkeit.
Das, wofür es sich zu leben lohnt
In diesen fünf Säulen des Ikigai finden wir auch die Grundsätze der kroatischen pomalo pomalo-Philosophie, jenen Attributen des Lebens, die es im Grunde genommen erst lebenswert machen. Aber auch in anderen Kulturen sind Parallelen zur Ikigai Lebenskunst zu finden, wie zum Beispiel in Afrika, jenem Kontinent von dem das Sprichwort „Gras wächst nicht schneller, auch wenn du daran ziehst.“ stammt. Dieses afrikanische Sprichwort passt beispielsweise zur ersten Säule des Ikigai „klein anfangen“. So beginnt auch jede lange Reise mit dem ersten Schritt.
Akzeptanz ohne Bewertung
Das Loslassen lernen ist mitunter eine der schwierigsten Aufgaben für uns Westeuropäer. Um den eigenen tiefen Sinn des Lebens zu finden und zuzulassen, sind wir oft gefordert Gewohntes loszulassen, damit Neues gedeihen kann. Dies erfordert ein hohes Maß an Akzeptanz, dass zum Beispiel Dinge und Gegebenheit gut sind, so wie sie eben sind. Alte Muster in Frieden loszulassen ist ein wesentlicher Schritt hin zu einem neuen Lebensgefühl, welches sich tief im Inneren unseres Bewusstseins als richtig anfühlt. Hier gibt es keine Bewertung, sondern Akzeptanz für das, wofür es sich zu leben lohnt.
Harmonie und Nachhaltigkeit
Auch hier sehen wir die Kraft des Ikigai, im bewussten Umgang mit uns, unserem Umfeld und unserer unmittelbaren Umgebung. Das Bedürfnis nach Harmonie und Friedfertigkeit setzt für uns nachhaltiges Denken und Handeln voraus. Hier schließt sich der Kreis zum gelebten Minimalismus, der keineswegs Verzicht oder Verlust bedeutet, sondern eine Bereicherung für unseren Lebensweg darstellt.
Kleine Dinge ganz groß
Die traditionelle japanische Mentalität besinnt sich so wunderbar auf kleine schöne Dinge, für welche aus westlich geprägter Sicht oft nur wenig Verständnis aufgebracht wird. Dabei spiegelt sich die japanische Freude an kleinen Dingen im gelebten Minimalismus, jener Lebensphilosophie, die auch in der westlichen Hemisphäre angekommen ist. Insofern kann eine Säule des Ikigai mit dem Spruch „weniger ist mehr“ in gewisser Weise assoziiert werden.
Die Liebe inspiriert durch Ikigai
In der Liebe werden oft kleine liebevolle Gesten der Zuneigung als viel schöner und romantischer empfunden, als große Worte und teure Geschenke. Ein ehrliches „Ich bin immer für dich da“ kann mehr bedeuten als viele große Versprechen. Eine stille Umarmung sagt manchmal mehr als tausend Worte. Weniger Worte können somit mehr echte Bedeutung innehaben. Dieses Beispiel zeigt, wie stark Ikigai sein kann, ohne seine Muskeln zeigen zu müssen.
Im Hier und Jetzt sein
Menschen, die sich im Hier und Jetzt befinden, nehmen den aktuellen Moment in einer besonders wertschätzenden Art und Weise wahr. Im Hier und Jetzt gibt es keine Langeweile, keinen Zeitdruck, kein zu schnell oder zu langsam, kein zu laut und kein zu leise, kein zu viel und kein zu wenig. Im Hier und Jetzt ist alles so wie es sein darf – ohne Wertung, ohne Verzicht oder Verlust. Das Hier und Jetzt ist ein Ort des Friedens, ohne Gedanken an die Zukunft und ohne Reue hinsichtlich der Vergangenheit. Zeit und Raum verliert hier irgendwie an Bedeutung.
Menschen, die nach den Säulen des Ikigai leben, brauchen nichts zu bereuen. Denn zum Zeitpunkt ihres Handelns haben sie höchstwahrscheinlich aus Überzeugung und ihrem Wertesystem heraus entschieden und danach gehandelt.
Ikigai im Gegensatz zum Erfolgsmodell der westlichen Hemisphäre
Nun gibt es auch Kulturen und Weltanschauungen, die komplett diametral zu Ikigai und der traditionellen japanischen Mentalität stehen, wie zum Beispiel ökonomisch geprägte Lebensweisen, die schnellen Profit und wirtschaftlichen Wachstum im Zentrum der Ambitionen sehen. Dazu gehören unter anderem auch Teile von europäischen und amerikanischen Weltanschauungen, die sich durch finanziellen Erfolg und Wachstum definieren und profilieren.
Die europäische oder amerikanische Art zu leben und zu denken kann somit im Gegensatz zu Ikigai stehen, das muss aber nicht zwangsläufig so sein. Es hängt davon ab, wie die Menschen selbst für sich Erfolg definieren. Während Ikigai grundsätzlich nach Innen orientiert ist (Freude, Erfüllung, Wunsch nach Behaglichkeit, …), ist das klassische westliche Erfolgsmodell oft außenorientiert (Einkommen, Status, Karriere, Produktivität, Wettbewerb, …).
Während sich erfolgsorientierte Europäer ständig fragen: „Was bringt mir den größten Erfolg und Nutzen?“, sieht ein Japaner mit seinem Ikigai-Wertesystem den Erfolg als Begleiterscheinung, nicht als Hauptziel. Für einen finanziell erfolgreichen amerikanischen Wirtschaftstreibenden scheint Ikigai vielleicht keinen Sinn zu machen. Diese Person wird einen Menschen, der nach den Säulen des Ikigai lebt, vielleicht sogar in gewisser Weise abwerten, oder sein Verhalten im Sinne des Ikigai als Schwäche auslegen. Auf der anderen Seite wird jemand der nach den Säulen des Ikigai lebt, andere Lebensanschauungen wohl eher nicht werten, sondern in seiner heilen Welt sich auf das konzentrieren, wofür es sich zu leben lohnt.
Ikigai wertet nicht, sondern besinnt sich auf das, was sich tief im Inneren jetzt richtig anfühlt. Ikigai ist dahingehend ein Aspekt von Urvertrauen, dem Gefühl hier und jetzt richtig zu sein, ohne dem Verlangen von Anerkennung und Belohnung – das tun zu können, was einen selbst erfüllt. Wir kennen das vielleicht auch unter der Bezeichnung „intrinsische Motivation“, dem inneren Antrieb, eine Tätigkeit aus eigenem Interesse, Neugier, Freude oder Überzeugung zu verfolgen, ohne dass dafür Belohnungen oder Druck nötig sind.
Das was von manchen Menschen oberflächlich als „schwach“ dargestellt werden könnte, ist in Wirklichkeit eine Stärke, die im Einklang mit der Natur und dem Verlauf des Schicksals Hand in Hand gehen kann. Ikigai birgt für uns auch eine Form der Akzeptanz, die Dinge und Gegebenheiten so annimmt, wie sie eben sind – ohne dem Wunsch, diese verändern zu wollen.
Über die Entkopplung von Sinn und Arbeit
In der westlichen Hemisphäre zeigen sich gewisse gesellschaftliche Phänomene Aufgrund anerzogener Wertesysteme. Es gilt zumal als erstrebenswert „Karriere zu machen“, obwohl man die Arbeit nicht liebt, sinngemäß zu arbeiten um leben zu können, nur fürs Wochenende, den „wohlverdienten“ Urlaub oder letztendlich die Pension. Attribute, wie der soziale Status, gehen in der westlichen Hemisphäre oft Hand in Hand ohne Zufriedenheit. Hohe Burnout-Raten – beziehungsweise fortgeschrittenes Unglücklich sein – trotz objektiven Erfolgs sind das Resultat. Karl Marx nannte dieses Phänomen bereits im 19. Jahrhundert „Entfremdung“.
Diese Art der Entfremdung steht diametral zur sinnerfüllten Arbeit im Sinne des Ikigai. Dort wo der eigene Beruf zur Berufung wird, macht Arbeit glücklich und Burnout wird zum Fremdwort.
Völlig im Gegensatz zu Ikigai ist:
- Arbeit nur wegen Geld
- Sinn wird geopfert
- Ikigai fehlt
Neutrale Lebensweise:
- Arbeit ist okay, aber nicht sinnstiftend
- Ikigai liegt außerhalb der Arbeit (Familie, Kunst, Hobbies, …)
Arbeit im Sinne des Ikigai:
- Wirtschaftlicher Erfolg entsteht aus Ikigai (weil man in dem gut ist was man gerne tut)
- Erfolg und Sinn verstärken sich gegenseitig (so offenbart sich die Kraft des Ikigai)
Viele Unternehmer, Künstler oder Handwerker erleben genau das in ihrer täglichen Arbeit und ihrem täglichen Handeln. So ziehen sie die schier unendliche Kraft daraus, das zu tun, was ihrem Leben einen tieferen Sinn gibt und wofür es sich zu leben lohnt.
Der grundlegendste Unterschied des Ikigai im Vergleich zum westlichen Erfolgsmodell
- Das westliche Erfolgsmodell fragt: „Wie kann ich erfolgreich werden?“
- Ikigai fragt: „Was ist es wert, mein Leben dafür zu verwenden?“
Erfolg ist im Sinne des Ikigai eine Folge, nicht das Ziel. Daher können sehr erfolgreiche und besonders reiche Menschen ihren Erfolg aus Ikigai generieren, aber das muss auch überhaupt nicht der Fall sein, da der Erfolg einfach passiert ist. Dieser Erfolg ist in den meisten Fällen auch sehr nachhaltig.
Nihilismus im Kontrast zu Ikigai
Der Nihilismus besagt, dass das Leben keinen objektiven Sinn hat und dass Werte und Zwecke nicht real sind, sondern eingebildete Konstruktionen oder fiktive Gedankenmuster. Es gibt im Nihilismus keinen tieferen Grund für Existenz oder Handeln. Während es im Sinne des Ikigai stets einen Sinn gibt, den man finden und leben kann, macht es im Nihilismus absolut keinen Sinn und man kann auch keinen objektiven Sinn für irgendetwas finden. Insofern ist der Nihilismus in gewisser Weise das Weltbild der Sinnlosigkeit.
Ikigai und Nihilismus stehen sich fast wie Gegensätze gegenüber und ergänzen sich paradoxerweise
Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche beschrieb den Nihilismus als eine Art von Krise. Er stellte die Frage: „Wenn alte Werte zerfallen, bleibt die Frage: Warum leben?“ Interessanterweise sah der Philosoph das Weltbild des Nihilismus nicht als endgültig an, sondern als eine Übergangsphase. Nietzsche argumentierte, dass der Mensch seinen eigenen Sinn erschaffen muss und genau hier bildet sich die Brücke zu Ikigai.
Der österreichische Psychiater Viktor Frankl schrieb sinngemäß passend dazu: „Der Mensch braucht nicht Glück, sondern einen Grund, um glücklich zu sein.“ Das entspricht grundsätzlich der Lebensphilosophie des Ikigai.
Paradoxerweise ergänzen sich diese beiden so konträren Weltbilder in besonderen Momenten und Lebensphasen. Beispielsweise finden viele Menschen ihr Ikigai gerade nach einer nihilistischen Phase, in welcher augenscheinlich gerade nichts einen Sinn machte. Denn erst wenn klar wird, dass nichts automatisch Sinn hat, wird man frei (Stichwort: loslassen), selbst seinen Sinn des Lebens zu wählen. Nihilismus kann man sich als einen Raum der Erkenntnis vorstellen und Ikigai als den Weg der Sinnhaftigkeit beschreiben. Nihilismus ist oft nur eine Phase und Ikigai ist oft die Antwort darauf.
- Nihilismus nimmt Sinn weg – Leere entsteht
- Ikigai erlaubt es dir, neuen Sinn zu erschaffen
Erkenntnis und Reaktion darauf:
- Du erkennst: „Es gibt keinen vorgegebenen Sinn.“
- Und dann folgt: „Also bin ich frei, meinen eigenen Sinn zu wählen.“
Warum Ikigai die Gesundheit und Lebensdauer verbessert und Nihilismus gefährlich sein kann
Ikigai ist nicht nur eine schöne Lebensphilosophie – Ikigai wurde empirisch untersucht. In Japan wurden über 40.000 Menschen jahrelang beobachtet. Das erstaunliche Ergebnis zeigte auf, dass Menschen mit Ikigai eine geringere Sterblichkeitsrate hatten. Sie litten weniger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verfügten grundsätzlich über eine bessere psychische Gesundheit. Besonders bekannt ist die hohe Lebenserwartung in Okinawa, jene Inselgruppe die zu den berühmten Blauen Zonen der Welt gehört. Es kann durchaus sein, dass Ikigai einen Teil zu dieser hohen Lebenserwartung beiträgt, denn sinnvolle Ziele erzeugen nachhaltige Motivation statt kurzfristiger Belohnung. Das führt automatisch zu mehr Energie, Resilienz und weniger Anfälligkeit für Depressionen.
Im Gegensatz dazu ist Nihilismus aus psychologischer Sicht etwas komplexer und unter Umständen kann er gefährlich sein. An sich ist Nihilismus nicht „falsch“ – er ist vielmehr eine gewonnene Erkenntnis aus Erfahrungswerten. Gefährlich wird er, wenn er dauerhaft internalisiert (zur Gewohnheit oder zur inneren Überzeugung führt) wird. Das menschliche Gehirn arbeitet von Natur aus zielorientiert. Wenn lange kein Ziel sinnvoll in Erscheinung tritt, sinkt zwangsläufig die Aktivität im eigenen Motivationssystem. Die Folge ist Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit und der Verlust von Interesse. Ist dieser Zustand von Dauer, so stellt sich existenzielle Leere ein, ein emotionales Vakuum sozusagen. Dies kann zu schweren Depressionen, Suchtverhalten und Angstzuständen führen.
Nicht Schmerz und Leid allein verursacht Depressionen, sondern Leid ohne Sinn und ohne Hoffnung. Genauso löst viel Arbeit kein Burnout aus, aber auch schon wenig Arbeit ohne Sinn kann ein Brandbeschleuniger für Burnout-Syndrome sein. Ein Mensch mit einem Lebenssinn und Hoffnung kann unglaublich stark und ausdauernd sein. Doch nimm einem Menschen seine Hoffnung und seinen Sinn zu leben, so wird es wirklich schwierig.




