Zwei Welten die aufeinander treffen und so konträr sind wie Tag und Nacht, aber was hat es damit auf sich und was ist besser? Oder stellt sich überhaupt die Frage welche dieser beiden Aussagen besser oder schlechter ist? In der Tat kann das so nicht gewertet werden, da ganz grundlegend unterschiedliche Weltanschauungen dahinter verborgen sind. Und wir sind der Meinung, dass sich diese beiden Gegensätze grundsätzlich gut ergänzen können. Das Leben ist nicht nur schwarz und weiß, genauso wie glückliche und von Grund auf zufriedene Menschen ihr Lebensziel bereits auf ihrem Weg gefunden haben und gleichzeitig parallel dazu immer wieder neue kleine Ziele verfolgen und erreichen können.

zeit is relativ
Abbildung: Wenn man sich die unendliche Relativität der Zeit ansieht, wie stehen unsere Ziele dazu?

Ziele haben und diese zu verfolgen kann für sich selbst auch als Ziel verstanden werden

Es geht vielleicht nicht darum, dass man nur ein Ziel X erreichen will, sondern darum, dass man jemand sein will, der grundsätzlich Ziele verfolgt. Denn dann bekommt das alles einen ganz anderen Wert. Man misst Erfolg dann nicht nur am Ergebnis, sondern daran, dass man dranbleibt, also den Weg als Ziel vor sich sieht. Ein Beispiel dafür ist ein Marathon-Läufer, der monatelang sehr fokussiert auf ein Ziel (zB einen Marathon in einer gewissen Zeit zu laufen) hinarbeitet. In diesem Fall ist es nur gut und sinnvoll das Ziel als Ziel zu sehen und das Bestmögliche zu geben, um das Ziel auch wirklich zu erreichen. Hingegen wenn das Ziel erreicht ist, so kann ohne neuem Ziel ein Gefühl von Leere entstehen, was sich in der Tat komisch anfühlen kann. So kommt es in der Realität oft vor, dass sich Marathonläufer sehr bald nach einem gelaufenen Marathon schon wieder für den nächsten Marathon anmelden, um somit wieder ein neues Ziel haben zu können. Insofern ist man dann von neuen Zielen irgendwie abhängig, damit man seinen Seelenfrieden hat.

Zitate, wie „Nach dem Lauf ist vor dem Lauf“ und Erzählungen, wie: „Während dem Marathon noch kurz vor dem Ziel habe ich mir gesagt: nie wieder tu ich mir das an. Bereits 5 Minuten nach dem Zieleinlauf aber habe ich mich schon auf nächstes Mal gefreut!“ bestätigen, wie schön es sein kann, wenn das Ziel das Ziel ist, auch wenn damit in gewisser Weise eine Art von Abhängigkeit mitschwingt.

Der Weg ist das Ziel als Essenz für neue Ziele

Doch viel interessanter ist die Überlegung, dass die Ansicht „Der Weg ist das Ziel“ ebenso – und fast noch mehr – hier seine Gültigkeit hat. Denn wenn sich jemand trotz der vielen Schmerzen und Entbehrungen immer wieder dazu entscheidet, an einem Marathon teilzunehmen, dann macht man das aus Leidenschaft, einer Überzeugung, aus dem Bauchgefühl heraus und einer gewissen inneren Bestimmung. Es macht jemanden dann sichtlich Freude sich zu quälen, warum auch immer – die Motive sind ganz unterschiedlich. Eines spielt hier auf jeden Fall mit: die innere Überzeugung, dass mit dem regelmäßigen Marathonlaufen der Weg als Ziel an sich gefunden worden ist.

Was intrinsische Motivation mit dem Weg als Ziel zu tun hat

Einige Langstreckensportler erinnern sich rückblickend auf die schönsten Momente ihrer sportlichen Karriere nicht unbedingt an den Zieleinlauf (also das Ziel), sondern an ganz schwierige Momente im Training oder im Wettkampf – an das wo es zwischendurch extrem anstrengend war, den Belastungen standzuhalten. Sportler, die den Weg als Ziel für sich wahrnehmen, können sich über – und gerade wegen – den einsamsten Momenten irgendwo auf der Trainingsstrecke – mitten im nirgendwo – am besten motivieren. Denn hier sind sie ohne Ablenkung mit sich und ihrer ganzen Passion in einem Flow-Zustand, der als Gefühl letztendlich wohl am besten beschreibt, wenn man den Weg als Ziel gefunden hat.

Dieser Flow-Zustand, das Gefühl von Leichtigkeit und innerer Ruhe – obwohl der Körper auf Hochtouren läuft – dem Rhythmus der eigenen Schritte, das sich spüren und beständige Fortbewegen, das Gefühl von Dynamik und Beständigkeit, etc … das sind alles starke intrinsische Aspekte der Motivation, warum man das tut was man tut und für sich erkennt, dass der Weg als Ziel gefunden worden ist. Vielleicht erkennt man allerspätestens im Hier und Jetzt, dass man das nicht nur für das Erreichen eines bestimmten Ziels macht, sondern dafür lebt, weil es dem eigenen Leben einen tieferen Sinn gibt. Vielleicht hat man dadurch sein Ikigai gefunden, jenes Wunder für das es sich zu leben lohnt.

Wer nur das Ziel als Ziel sieht

Menschen, die sagen „der Weg ist das Ziel ist Schwachsinn“, kommen meist aus einer ganz bestimmten Denkweise. Für sie zählen vor allem Resultate. Für jene Menschen sind Ergebnisse das einzige, was wirklich zählt. Oftmals sind das von Erfolg getriebene Persönlichkeiten, die auch gerne ohne Rücksicht auf Verluste ihre konkreten Ziele verfolgen. Sie scheuen keine Kosten und gehen aufs Ganze um das zu erreichen, was sie wollen. Im olympischen Spitzensport kommt dieser Anspruch oftmals sehr deutlich zur Geltung.

Es gibt ganz erfolgreiche Menschen, die sagen, dass Leute den Spruch „der Weg ist das Ziel“ benutzen, um fehlenden Fortschritt zu rechtfertigen. „Den Weg genießen“ klingt für sie wie eine Ausrede. Das wirkt auf sie wie eine Art von Selbsttäuschung. Menschen die so denken, sind stark in der Bewertung und sie stülpen ihr eigenes Weltbild über Andersdenkende und werten sie missinterpretiert entsprechend ab.

Eine mögliche Denkrichtung von rein zielorientierten Menschen kann sein: „Am Ende wirst du nach Resultaten bewertet, nicht danach, ob du den Weg genossen hast.“ Oder: „Niemand interessiert sich bei einer Prüfung dafür, ob du Spaß hattest, sondern ob du bestanden hast.“

Für diesen Typ Mensch ist Zeit ein knappes Gut. Wenn man demnach nicht ständig zielgerichtet ist, verschwendet man Zeit in ihren Augen. Häufig haben die Menschen Folgendes gelernt: Ziele erreichen = Anerkennung / Sicherheit / Erfolg

Daher fühlt sich alles andere für sie ineffizient oder sogar gefährlich an. Jedoch kann es für genau diese Menschen selbst sehr gefährlich sein, sich genau an diesen extrinsischen Erfolgsfaktoren zu klammern. Aber dieses Risiko gehen diese Menschen sogar oft auch als Überzeugung (Heldentum) ein, sich selbst zu opfern und das hohe Risiko einzugehen für das Ziel, den Erfolg und die Anerkennung von außen.

Wenn jemand behauptet „Der Weg ist das Ziel ist Schwachsinn“, meint die Person oft eigentlich: „Ohne echtes Vorankommen bringt dir das schönste Gefühl unterwegs nichts.“ Das ist aus zielorientierter Sicht nicht unbedingt falsch, nur unvollständig, nicht zu Ende gedacht. Weil bei Weitem nicht alles aus Zielen, Fortschritt und Vorankommen besteht, sondern auch aus Emotion, Motivation und Freude daran. Menschen mit der richtigen Motivation und Freude sind oftmals sogar auch die erfolgreicheren und gesünderen Menschen, als jene die nur die Ziele vor Augen haben.

Sportler die sagen, sie machen den Sport nur um zu gewinnen, ohne dabei Spaß zu haben sind in gewisser Weise zu vergleichen mit Menschen, die ihr ganzes Leben nur arbeiten um leben zu können. Daher kann man sich diesbezüglich auch die Frage stellen „Arbeiten um zu leben oder leben um zu arbeiten?“.

Ein klares Ziel haben, aber den Weg bewusst erleben

Die Quintessenz aus dieser facettenreichen Gegenüberstellung ist, dass die Kombination aus beiden Welten als Idealzustand begriffen werden kann. Nur ein klares Ziel zu haben kann „leer“ machen, weil vielleicht ohne diesem Ziel kein Sinn mehr gesehen wird (Nihilismus?). Nur den Weg ohne Ziel zu sehen kann orientierungslos / planlos machen, was Entwicklung und Fortschritt – grundsätzlich das Erreichen von Zielen – unmöglich macht. Daher den Weg bewusst als Ziel wahrzunehmen und entsprechend dazu passende konkrete Ziele auf diesem Weg zu verfolgen ist ein vielversprechender Ansatz im Leistungssport, sowie in der Wirtschaft und anderen Lebensbereichen, wobei Beständigkeit eine wesentliche Rolle spielt.