Eine philosophische Arbeit über die Befreiung vom Vergleich durch den Gedanken der Relativität

Wir lieben Gedankenspiele, so auch dieses Gedankenspiel in Bezug auf die Relativität der Gleichheit. Doch was ist die Relativität der Gleichheit und was kann man aus unterschiedlichen Perspektiven darunter verstehen. Wie das Zitat von Friedrich Nietzsche uns lehrt, dass „Alles Sehen ist perspektivisch sehen“ umfasst, so kann die Relativität der Gleichheit aus unterschiedlichsten Blickwinkeln völlig andere Bedeutung bekommen.

relativität der gleichheit
Abbildung: Unter gewissen Voraussetzungen sind hier alle gleich - auf den Rahmen kommt es an

Was ist Relativität?

Relativität bedeutet allgemein, dass etwas nicht für sich alleine, sondern nur in Bezug auf etwas anderes bestimmt oder verstanden werden kann. Der Kontext ist maßgeblich. Sehen wir uns das Anhand von ein paar Beispielen an:

„Groß“ ist zum Beispiel relativ. Ein Mensch von 1,80 m ist groß im Vergleich zu anderen kleineren Menschen, aber klein im Vergleich zu vielen Basketballprofis. Aber wenn alle Menschen gleich groß sind, dann ist wohl vielleicht auch niemand groß? Dann spielt die Distanz zu den gleich großen Menschen aus Sicht des Betrachters eine Rolle. Je weiter der Betrachter entfernt ist, umso kleiner sind die gleich großen Menschen. Insofern ist der Ausdruck von Größe auch relativ.

„Schnell“ ist ebenfalls relativ. 30 km/h sind für einen Läufer sehr schnell, aber für ein Auto langsam. Wenn alle jedoch gleich schnell (gut, schön, stark, …) sind, dann ist eben auch niemand schnell (gut, schön, stark, …). Daraus lernen wird, dass eine Eigenschaft, die nur durch Abgrenzung und Vergleich Bedeutung erhält, ihren Unterscheidungswert verliert, wenn sie auf alle gleichermaßen zutrifft.

Was ist Gleichheit?

In dem Zusammenhang ist Gleichheit nicht einfach „identisch sein“, sondern das Fehlen eines bestimmten / relevanten Unterschieds innerhalb eines bestimmten Vergleichsrahmens. Wenn alle Sieger sind, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Siegern und Nicht-Siegern. Der Titel verliert seinen Rangcharakter. Wenn alle Sieger sind, dann ist demnach niemand ein Sieger.

Wenn alle klug sind, dann ist entsprechend diesem Modell niemand klug. Kluge Menschen kann es demnach nur geben, wenn es auch dumme Menschen gibt. Ohne dumme Menschen gibt es auch keine klugen Menschen, sondern einfach nur Menschen, völlig wertfrei.

Wenn „klug“ nur bedeutet: klüger als andere, dann folgt tatsächlich:

  • Sind alle gleich intelligent, gibt es keine Klugen und keine Dummen.
  • Es gibt dann nur Menschen mit demselben Intelligenzniveau.
  • Die Begriffe „klug“ und „dumm“ verlieren ihre Unterscheidungsfunktion.

Das ist in der Tat ähnlich wie bei „groß“ und „klein“. In einer Welt, in der alle exakt gleich groß wären, gäbe es zwar weiterhin eine bestimmte Körpergröße, aber keine großen oder kleinen Menschen. Allerdings gibt es noch eine andere mögliche Bedeutung von „klug“ (.. oder „groß“):

  • Relativ klug: klug = intelligenter als der Durchschnitt
  • Absolut klug: klug = besitzt bestimmte kognitive Fähigkeiten, etwa logisches Denken, Lernfähigkeit oder Problemlösungskompetenz, unabhängig davon, wie andere abschneiden.

Nach diesem Verständnis verfolgt die Relativität immer den wertenden Vergleich: Klugheit setzt Dumme oder zumindest weniger Kluge voraus. In der absoluten Bedeutung wird kein Vergleich hergestellt. Nach dem absoluten Verständnis wäre eine Welt denkbar, in der alle Menschen für sich intelligent sind. Dann wären alle klug, ohne dass jemand dumm sein müsste.

Die spannende Frage ist: welche Bedeutung verwenden wir im tatsächlich Alltag?

Oft mischen wir beide Bedeutungen. Wenn jemand sagt „Sie ist sehr klug“, meint er meist sowohl, dass sie bestimmte Fähigkeiten besitzt – als auch, dass diese Fähigkeiten im Vergleich zu anderen Menschen außergewöhnlich sind.

Viele Wertbegriffe (klug, schön, groß, schnell, …) leben von diesen Gegensätzen, ohne die eine Bewertung erst gar nicht möglich wäre:

  • Erfolg lebt von Misserfolg
  • Sieg lebt von Niederlage
  • Reichtum lebt von Armut

Daher stellt sich die weitere Frage, ob diese Eigenschaften wirklich etwas Eigenständiges beschreiben (absolut) oder ob sie nur Positionen innerhalb eines Vergleichssystems sind (relativ).

Denkt man das konsequent weiter, kommt man zu einer interessanten Perspektive: Vielleicht sind viele Urteile, die wir als Eigenschaften von Personen ansehen („klug“, „erfolgreich“, „bedeutend“), in Wahrheit Beschreibungen ihrer Relation zu anderen Personen (relativ, im Vergleich zu). Dann wäre „einfach nur Menschen, völlig wertfrei“ tatsächlich die Beschreibung dessen, was übrig bleibt, wenn alle Rangordnungen und Vergleiche wegfallen würden. Das heißt nicht, dass Fähigkeiten verschwinden, sondern nur die Kategorien (der Rahmen), mit denen wir Unterschiede bewerten.

Wenn wir alle klug sind … ist niemand klug

In soziologischer Hinsicht ist diese Aussage natürlich in gewisser Weise sehr interessant. Denn wenn jemand glaubt, dass er schon alles weiß (oder klug ist), dann kann es sein, dass er so dumm ist um nicht zu wissen, was er noch nicht weiß. Manchmal gibt es Menschen, die von sich behaupten, dass je mehr sie über etwas wissen, umso mehr gelangen sie zur Erkenntnis, dass sie eigentlich noch sehr wenig darüber wissen. Wenn demnach die Menschheit (oder zB die Wissenschaft) von sich behauptet, alles zu wissen, dann darf das hinterfragt werden.

Je mehr man weiß, desto mehr erkennt man, wie viel man nicht weiß.

Diese „Weisheit“ ist in der Erkenntnistheorie eng verwandt mit dem sogenannten Sokratischen Paradox („Ich weiß, dass ich nichts weiß“) und in moderner Form auch gut beschrieben durch das Dunning-Kruger-Phänomen: Menschen mit wenig Wissen überschätzen oft ihre Kompetenz, während wirklich kompetente Menschen eher zur Selbstkritik und Unsicherheit neigen.

In diesem Zusammenhang ist diese Beobachtung absolut plausibel:

  • Wissen kann Demut erzeugen
  • Unwissen kann zu Übergewissheit führen
  • Selbstüberschätzung ist oft ein Zeichen begrenzter Einsicht in die Komplexität eines Themas

Relativität der Gleichzeitigkeit nach der Relativitätstheorie von Albert Einstein

Die Relativität der Gleichzeitigkeit hat nur einen sehr abstrakten Zusammenhang zur Relativität der Gleichheit. Die Relativität der Gleichzeitigkeit kommt in der Physik zur Anwendung. Zwei Ereignisse, die für einen Beobachter gleichzeitig stattfinden, müssen es für einen anderen (bewegten) Beobachter nicht sein. Das ist eine physikalische Aussage über Zeitmessung und die Raum-Zeit-Struktur. Sie hängt an Lichtgeschwindigkeit, Bezugssystemen und Messverfahren – nicht an Sprache, Bewertung oder anderen soziologischen Aspekten.

Relativität der Gleichzeitigkeit versus Relativität der Gleichheit

Beide Begriffe zeigen eine gemeinsame Struktur. Was wir als „gleich“ oder „gleichzeitig“ wahrnehmen, hängt vom gewählten Bezugssystem ab.

  • In der Physik: Bezugssystem = Bewegung / Koordinatensystem
  • In der Soziologie: Bezugssystem = Vergleichsmaßstab / Kriterium

Die Relativität der Gleichzeitigkeit betrifft objektive Messgrößen der Natur und ist mathematisch exakt bestätigt. Dies ist unberührt von menschlicher Bewertung.

Die Relativität der Gleichheit betrifft Begriffe und soziologische Kategorien, die abhängig von Definitionen und Kontext sind.

Was die beiden Begriffe wirklich verbindet, ist etwas noch Grundsätzlicheres. „Gleichheit“ und „Gleichzeitigkeit“ sind keine absoluten Eigenschaften, sondern Ergebnisse eines Vergleichs innerhalb eines Systems, also relativ. In der Physik ist das System real-physikalisch, in der Sprache ist es begrifflich-sozial.

Schlusswort

Es kommt nicht darauf an gleich zu sein oder sich mit Gleicheren zu vergleichen – sondern darum, echt im Sinne von Wahrhaftigkeit zu sein.