Als einer der realitätsnahsten Historienfilme ging Schindlers Liste in die mittlerweile sehr umfangreiche Filmgeschichte Hollywoods (Universal Pictures / Steven Spielberg) ein. Doch auch hier ist es in einzelnen Szenen zu sogenannten dramaturgischen Verdichtungen gekommen. Das liegt bei Filmproduktionen in der Natur der Sache. Insofern sollte man als Zuseher speziell bei Filmhandlungen, die weit in der Vergangenheit liegen, umso mehr aufpassen, wenn es um die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Fiktion geht. Manchen Zusehern ist das nicht wichtig, denn es geht beim Film letztendlich um Unterhaltung. Aber jenen Menschen, denen wahre Ereignisse wichtig sind, sollten selbst bei Filmen, bei welchen im Vorspann „beruht auf wahren Ereignissen“ zu lesen ist, vorsichtig sein.

gladiator
Abbildung: Die Rolle des Gladiators hat seit jeher die Fantasie der Historienfilme-Macher beflügelt

Auch beim berühmten Epos Gladiator mit Russel Crowe (erschienen im Jahr 2000, Regie: Ridley Scott) muss man in Bezug auf die Wahrheit sehr vorsichtig sein, da Vieles aus vielen Gründen nicht so dargestellt wird, wie es sich echten historischen Überlieferungen zufolge wirklich ereignet haben sollte. Und selbst historische Überlieferungen aus dieser Zeit sind nicht immer so, wie es teilweise zu lesen ist – speziell wenn diese vom Kaiser Commodus handeln, dem Sohn des berühmten Philosophen-Kaiser Marcus Aurelius – jener Sohn, der im Film Gladiator den eigenen Vater tötet, um selbst Kaiser zu werden. So hat das nicht stattgefunden und auch der Held des Films – Maximus Decimus Meridius (Russel Crowe) – hat nie existiert.

Historienfilme wie Gladiator …

Ein Historienfilm ist ein Spielfilm, dessen Handlung in einer vergangenen Zeit spielt. Solche Filme basieren oft auf wahren historischen Ereignissen, nutzen jedoch die Geschichte häufig nur als atmosphärische Kulisse für eine fiktive Handlung. Historienfilme wie Gladiator sind meist nicht als „Dokumentation“ gedacht, sondern als Unterhaltung mit historischem Rahmen. Die Abweichungen von der Realität haben in diesem Genre mehrere typische Gründe.

gladiator drehort in der toskana - haus von maximus
Abbildung: Der Drehort von Gladiator bei San Quirico d’Orcia - das Haus von Maximus

Wie weite Teile des Films selbst, sind auch die Drehorte von Gladiator frei erfunden. Einige der beliebtesten öffentlich zugänglichen Drehorte von Gladiator befinden sich in der Toskana, im Val d’Orcia. Die Abbildung zeigt das fiktive Haus des Maximus, welches von den Prätorianern des Commodus im Film niedergebrannt wird. Hier sterben im Film auch sein Kind und seine Frau.

Geschichte ist komplex – für die Filmindustrie oft zu komplex

Echte Geschichte ist oft sehr komplex und auf tieferen Kontext bezogen, welche für die kurzweilige Erzählung im Rahmen von Filmen mit Unterhaltungswert keinen Platz findet. Filme müssen in 2 – 3 Stunden eine klare Handlung mit Konflikt, Spannung und emotionalem Bogen erzählen. Dafür werden Ereignisse von den Filmemachern gerne zusammengelegt, Figuren erfunden oder vereinfacht.

Bewusst falscher Handlungsstrang

In Gladiator werden beispielsweise politische Entwicklungen und der Herrscherwechsel stark komprimiert und bewusst falsch dargestellt, damit die Story „fließt“. Eine historisch korrekte Handlung und richtige Zeitabläufe würden für Zuschauer oft sprunghaft oder verwirrend wirken, und während des Filmschauens viele Fragezeichen hinterlassen, wenn man die echte Geschichte nicht kennt. Jene Personen, die mit der echten Geschichte vertraut sind (wohl eher die Minderheit), sind dafür von der historischen Verzerrung des Filmes enttäuscht.

Gerade bei der Antike gibt es oft Lücken, widersprüchliche Berichte oder propagandistische Geschichtsschreibung. Filmemacher füllen diese Lücken mit erzählerischen Entscheidungen – nicht immer mit dem Anspruch, die „eine Wahrheit“ zu treffen.

Ein breites Publikum erwartet sich beim Kinobesuch Action, Identifikationsfiguren und klare Gut–Böse-Strukturen. Historische Realität ist aber oft moralisch ambivalent und schwerer greifbar. So sind die Bösen oft auch gut und die Guten sind gerissen.

Interessant in diesem Zusammenhang: Wenn der Vorhang fällt

In dem deutschen Hip Hop-Song „Wenn der Vorhang fällt“ von Freundeskreis hört man im Refrain folgende Text-Passage:

„Wenn der Vorhang fällt, sieh hinter die Kulissen. Die Bösen sind oft gut und die Guten sind gerissen. Geblendet vom Szenario erkennt man nicht. Die wahren Dramen spielen nicht im Rampenlicht.“

Geschichte wird grundsätzlich stets von den Siegern geschrieben, und somit auch überliefert. Umso mehr sollten wir aufmerksam damit umgehen, was uns als Wahrheit über die Geschichte präsentiert wird.

Historienfilme unter dem Deckmantel künstlerischer Freiheit

Regisseure wie Ridley Scott verstehen ihre Filme grundsätzlich oft als Interpretation (unter dem Deckmantel künstlerischer Freiheit) von Geschichte, nicht als Rekonstruktion wahrer Begebenheiten. Sie nutzen Geschichte als Bühne für Themen wie Macht, Korruption oder Freiheit. Es geht nicht darum, was wirklich passiert ist, sondern darum, wie wir Geschichte ab dem Zeitpunkt des Ansehens künftig interpretieren. Auch wenn wir wissen, dass es nicht so stattgefunden hat, so sind Charaktere wie Kaiser Commodus für uns vordergründig Mörder, eigensinnige Machtergreifer und schlichtweg monströse Psychopathen.

Commodus und sein Vater Marc Aurel

In der Realität wurde Commodus von seinem Vater Marc Aurel klar zum Nachfolger ernannt. Daran besteht kein Zweifel. Der junge Commodus stand seinem Vater treu zur Seite. Es hat hier eigentlich ein gutes Vater-Sohn-Verhältnis gegeben, im komplett konträren Verhältnis stehend zur Handlung im Film Gladiator. Marc Aurel ist im Jahr 180 n. Chr. wahrscheinlich an einer Krankheit in einem Feldlager nahe der Donau verstorben, nicht durch die Hände des Commodus.

Der Senat hingegen, sowie gewisse andere mächtige Kräfte des Imperiums, hatten durchaus etwas gegen den (zu jungen) neuen Kaiser Commodus. Dies hat aller Wahrscheinlichkeit etwas mit Machterhalt des Senats, Neid und Unverständnis zu tun – Unverständnis darüber, dass ein 18-jähriger Bursche nun Kaiser ist. Dieses von Beginn an angespannte Verhältnis zwischen dem jungen Kaiser und dem Senat (der ihn offensichtlich wegen seines Alters und wenig Erfahrung nicht ernst nahm) hat möglicherweise zu einer folgenschweren Verkettung von künftigen Entscheidungen und Handlungen geführt. Kaiser Commodus hat sich in seiner 12-jährigen Regentschaft bis zu seinem Tod zunehmend vom Senat distanziert und abgekapselt. Dies führte zu einer Reihe von innenpolitischer Katastrophen und schürte die Aggression des Senats gegen den Kaiser.

Was dem Senat nicht passt ist böse

Auffällig ist, dass viele der Kaiser, die mit dem Senat in schweren Konflikt gerieten, in der überwiegend senatorisch geprägten Geschichtsschreibung nach ihrem Tod als besonders grausame, unberechenbare oder tyrannische Herrscher dargestellt wurden. Diese Darstellungen müssen jedoch kritisch gelesen werden, da sie politische Interessen und persönliche Vorurteile widerspiegeln können.

Was im Gladiator-Film historisch stimmt und was stark verändert oder erfunden wurde

Was im Film mehr oder weniger korrekt ist:

  • Marcus Aurelius und sein Sohn Commodus waren tatsächlich reale Personen.
  • Marcus Aurelius starb 180 n. Chr.
  • Commodus wurde tatsächlich Kaiser und war politisch (im Senat) umstritten.
  • Historisch gilt Commodus als egozentrisch und exzentrisch.
  • Commodus trat tatsächlich als Gladiator auf (was für einen Kaiser extrem ungewöhnlich war), aber kämpfte nicht gegen einen fiktiven Maximus.
  • Intrigen, Korruption und politische Rivalitäten am Kaiserhof waren real und typisch für die Zeit.

Was im Film frei erfunden ist:

  • Die Hauptfigur Maximus ist komplett fiktiv. Kein historischer Tribun hat Commodus so gestürzt oder herausgefordert.
  • Mord an Marcus Aurelius ist nicht korrekt. Er starb an einer Krankheit im Feldlager nahe der Donau.
  • Commodus als direkter Usurpator (Mörder seines Vaters) ist nicht korrekt. Commodus wurde rechtmäßig durch Marc Aurel zum Kaiser.
  • Die „Sklaven-Tribun“-Story von Maximus als versklavter Tribun, der in die Arena fällt und Rache sucht, ist dramaturgisch frei erfunden.
  • Zeitliche und politische Verdichtung von Ereignissen, die historisch über Jahre verteilt waren, werden im Film in kurze Zeiträume gepresst.

Warum aller Wahrscheinlichkeit nach die Handlung in Gladiator so realitätsfern dargestellt wird

Der Film wollte vor allem:

  • eine klare Rachegeschichte erzählen
  • eine starke Identifikationsfigur schaffen
  • das antike Rom als spektakuläre Bühne zeigen

Historische Genauigkeit stand dabei bewusst hinter der Dramaturgie zurück. Dies ist in Hollywood bei Weitem kein Einzelfall. Insofern ist das Kino kein guter Ort um seine Bildung zu erweitern.

Mut zur Wahrheit

Ist es vielleicht zu viel verlangt? Mut zu haben? Mut zur historischen Wahrheit innerhalb der Filmindustrie. Eigentlich liefert die historische Wahrheit der Menschheit genug ehrlichen Stoff für Drehbücher und Hollywood-Blockbuster, oder etwa nicht?

Bei Schindlers Liste hat das ja auch schon ganz gut funktioniert oder haben hier zufälligerweise gerade die äußeren Bedingungen und Akzeptanz für dieses zugegebenermaßen schwere Thema gepasst um auf die Kino-Leinwand zu passen?

Wenn behauptet wird, dass die Wahrheit im historischen Kontext und Komplexität heraus dem Publikum nicht zuzumuten ist (warum auch immer), dann mag das wohl nicht an der Zumutbarkeit selbst liegen, sondern am Willen (oder Nicht-Willen) der Produzenten.

Ein Handlungsstrang eines guten Films muss nicht unbedingt eine klare Rollenverteilung von „Gut“ und „Böse“ vorweisen und auch nicht möglichst einfach (um nicht banal zu sagen) sein. Ein guter Film darf auch Fragezeichen im Kopf des Publikums hinterlassen, Fragezeichen die neugierig auf die Wahrheit machen und dadurch an Aufmerksamkeit gewinnen. Das wäre Unterhaltung mit informativem Mehrwert. Wünschenswert wäre insofern das Genre des Historischen Bildungsfilmes. Hier steht die Wahrheit auch ohne aller Informationen (Fragezeichen) an erster Stelle. Menschen, die sich wirklich weiterbilden möchten, werden durch ihre Neugier dazu motiviert, selbst in historischen Quellen und der Fachliteratur nach Antworten zu suchen.

Würde das nicht zu einer aufgeklärteren Gesellschaft beitragen?