Aus aktuellem Anlass beschäftigen wir uns im Spätsommer 2026 (ca. 1,5 Monate nach Kinostart) mit Christopher Nolans viel diskutierter Verfilmung „The Odyssey“ (deutscher Titel: „Die Odyssee“). Der Kinostart erfolgte in Österreich und Deutschland am 16. Juli 2026 und hat an den weltweiten Kinokassen bisher rund 1,5 Milliarden US-Dollar eingespielt. Für die einen ein voller Erfolg – für die anderen der schlechteste „Nolan“ aller Zeiten. Die Meinungen können kaum weiter auseinander driften und irgendwie hat das alles einen viel zu weltpolitischen Beigeschmack dafür, dass es sich eigentlich um Unterhaltung im erweiterten Sinne handelt, also ein fiktionales Werk, das möglicherweise Erinnerungen an reale historische Verhältnisse verarbeitet, auf Basis einer antiken Sage, der Odyssee von Homer, die vermutlich im späten 8. oder frühen 7. Jahrhundert v. Chr. in ihrer uns überlieferten Gestalt entstanden ist, vermutlich im ionischen Kulturraum.
Christopher Nolans moderne Interpretation der Oyssee von Homer
Nolans Odyssee ist in gewisser Weise als moderne Interpretation einer etwa 2.800 Jahre alten Erzählung zu verstehen, quasi als eine Neuauflage? Oder kann man diese zeitgenössische Interpretation bereits als komplett eigenständiges Kunstwerk verstehen, die mit dem ursprünglichen Werk von Homer, und dessen Botschaften darin, nur noch am Rande zu tun haben? Daher beschäftigt uns die Frage:
Was geschieht mit Homers Weltbild, wenn ein moderner Künstler denselben Mythos durch das Weltbild des 21. Jahrhunderts interpretiert?
Wir wollen hier nicht auf die Details im Film eingehen. Wer Interesse an den inhaltlichen Abweichungen von Homers Original und dessen Interpretationen hat, der kann das in unzähligen kritischen und wohlwollenden Filmkritiken im Internet nachlesen. In diesem Beitrag geht es eigentlich gar nicht so sehr um den Film selbst, sondern um das, was der Film mit uns als moderner Gesellschaft in der Gegenwart macht.
Wie viel Wahrheit steckt in Homers Odyssee?
Eine Diskussion unter Historikern besteht ja bereits seit langem, lange bevor Christopher Nolan die Geschichte Homers für sich in Anspruch genommen hat. Dabei geht es im Wesentlichen darum, wieviel historische Wahrheit in Homers Odyssee steckt.
Es ist durchaus möglich, dass sich in der Odyssee Erinnerungen an die bronzezeitliche Welt und an reale Orte und Ereignisse erhalten haben. Ein konkreter historischer Kern der Odysseus-Erzählung lässt sich jedoch nicht nachweisen. Die Welt, die Homer beschreibt, passt in Teilen erstaunlich gut zur spätbronzezeitlichen Ägäis, also zur Zeit der mykenischen Paläste (ca. 1.600 – 1.200 v. Chr.). Orte wie Mykene, Pylos und Ithaka sind real, und auch manche gesellschaftlichen Strukturen und Waffen erinnern an diese Epoche.
Die Geschichten wurden vermutlich über Jahrhunderte mündlich weitergegeben, bevor sie im 8. Jahrhundert v. Chr. ihre heute bekannte literarische Form erhielten. Dabei können Erinnerungen an tatsächliche Ereignisse mit jeder Generation verändert und ausgeschmückt worden sein.
Die Abenteuer des Odysseus (Kyklop Polyphem, Kirke, die Sirenen, Skylla und Charybdis und Kalypso) sind offensichtlich mythische und fiktive Erzählungen. Die Stadt, die Homer als Troja (bzw. Ilion) beschreibt, hat sehr wahrscheinlich einen realen historischen Ort als Hintergrund. Heinrich Schliemann und spätere Archäologen fanden auf dem Hügel von Hisarlık im heutigen Nordwesten der Türkei mehrere aufeinanderfolgende Städte. Eine davon wurde um 1.200 v. Chr. zerstört. Das beweist allerdings nicht, dass der Trojanische Krieg genauso stattgefunden hat, wie Homer ihn erzählt.
Wie wahrscheinlich ist also ein „historischer Odysseus“?
Das lässt sich nicht beantworten. Es gibt keinen archäologischen oder schriftlichen Beleg für eine konkrete historische Person „Odysseus“. Allerdings ist die Figur möglicherweise aus einer sehr alten Tradition von Geschichten über einen listenreichen Seefahrer und Kriegshelden hervorgegangen.
Ein schönes Indiz dafür, wie alt manche Elemente sein könnten, liefern die Linear-B-Tafeln aus der mykenischen Zeit. Sie sind Jahrhunderte älter als Homers Epen und enthalten bereits Namen und Begriffe, die später in der griechischen Welt wieder auftauchen. Sie erzählen allerdings nicht die Geschichte der Odyssee.
Und warum wirkt die Odyssee manchmal erstaunlich realistisch?
Das ist tatsächlich ein faszinierender Punkt. Homer kennt beispielsweise die Gefahren der Seefahrt, und benennt bestimmte Landschaften, Häfen, Handelswege und gesellschaftliche Praktiken sehr anschaulich. Einige Forscher haben deshalb versucht, die Irrfahrten des Odysseus geografisch zu verorten, etwa im westlichen Mittelmeer und zum Beispiel vor Scilla, an der Straße von Messina, wo Odysseus auf das Seeungeheuer Skylla und auf das tödliche Strudelwesen Charybdis getroffen sein soll. Skylla war ein mehrköpfiges Monster, welches der Sage und Vermutungen nach in einer Meereshöhle an der Straße von Messina lebte und die Schiffe der vorbeifahrenden Seefahrer bedrohte. Die Straße von Messina war extrem gefährlich, da sich auf der anderen Seite der Meerenge das tödliche Strudelwesen Charybdis befunden haben soll.
Das Problem in der Odyssee-Forschung ist, dass sich fast jeder Abschnitt mit genügend Fantasie mehreren realen Orten zuordnen lässt. Die Geschichte ist also kein zuverlässiger Reisebericht. Die Odyssee ist wahrscheinlich auch keine Erinnerung an ein einzelnes historisches Ereignis, sondern eine Art von literarischem „Gedächtnis“ der griechischen Bronzezeit.
Und genau deshalb ist die Odyssee historisch so interessant. Sie erzählt uns vielleicht weniger, was tatsächlich geschah, als vielmehr, was die Griechen Jahrhunderte später über ihre mykenische Vergangenheit glaubten zu wissen und wie sie diese Vergangenheit selbst interpretierten und erzählten.
Wenn man die Odyssee aus dieser Perspektive betrachtet, dann geht es uns geschichtsinteressierten Menschen der Gegenwart bei Homers Erzählung darum herauszufinden wie die Griechen zu Homers Zeit gedacht haben. Die Odyssee ermöglicht uns einen außergewöhnlichen Einblick in bestimmte Vorstellungen, Werte und Weltdeutungen der archaischen griechischen Welt und nun stellt sich die Frage wieviel dieser antiken Gedankenwelt in Christopher Nolans Interpretation erhalten geblieben ist.
Wie und warum Christopher Nolans Odyssee-Interpretation so viel Konfliktstoff bietet
Bereits kurz nach Kinostart von „Die Odyssee“ wurde der Film heftig vom Publikum kritisiert und – speziell von offiziellen Quellen – vehement verteidigt, und das in einem höchst ungewöhnlichem Ausmaß, welches wir so noch nie zuvor derart wahrgenommen haben. Die heftige Debatte um Nolans „The Odyssey“ dreht sich nur vordergründig und oberflächlich darum, ob der Film historisch korrekt ist (das ist grundsätzlich ein Widerspruch, weil die Interpretation einer antiken Fiktion bleibt auch in der Gegenwart und Zukunft nur eine Fiktion). Im Kern geht es um eine viel größere Frage: „Wem gehört ein 2.800 Jahre alter Mythos und wie weit darf ein moderner Regisseur diesen Mythos verändern?“.
Würde Homer – oder ein Erbe von Homer – noch leben und hätte er Anspruch auf ein Meinungs- und Urheberrecht (oder so etwas in der Art) dann würde uns seine Meinung zur neuen Interpretation seines Werkes interessieren. Und genau darum geht es vielen Menschen, die den Film und seine Interpretation der ursprünglichen Sage eher als kritisch bewerten.
Die Diskussion um den Film hat sich seit den ersten Tagen im Kino sogar noch einmal verschoben. Der entscheidende Denkfehler in der breiten Diskussion besteht in der Tat darin: Homer ist kein Geschichtsbuch, welches historische Tatsachen beschreibt. In der gegenwärtigen Debatte jedoch geht es oftmals um die historische Authentizität. Diese Debatten führen ins Leere.
Bei Homers Odyssee kann man historische Authentizität überhaupt nicht so einfach definieren. Homers Welt ist selbst eine Mischung aus Erinnerungen an die Bronzezeit, späteren griechischen Verhältnissen, Mythos und jahrhundertelanger mündlicher Überlieferung. Ein klassischer Philologe, der zu dieser Debatte befragt wurde, brachte es sinngemäß auf den Punkt: „Die homerischen Epen sind mythologische Dichtung, keine historischen Dokumente.“
In Nolans Odyssee verändert tatsächlich Vieles
Und hier wird es für uns viel interessanter als die öffentliche Debatte. Nolan macht nicht einfach eine möglichst originalgetreue Verfilmung. Er interpretiert Homer komplett neu. Er kürzt Figuren und Episoden, verändert die Gewichtung bekannter Szenen und fügt eigene Elemente hinzu. Bei einem Gedicht von rund 12.000 Versen, das auf etwa drei Stunden Film verdichtet werden muss, ist das natürlich unvermeidlich, aber Nolan geht teilweise ziemlich weit, schießt für Kritiker somit viel zu weit über das Ziel hinaus.
So ist beispielsweise die Struktur der Geschichte im Vergleich zu Homers Erzählung verändert. Einige homerische Figuren und Episoden fehlen oder werden anders eingesetzt. Klassische Philologen haben deshalb durchaus legitime Einwände, nicht weil Nolan „historisch falsch“ liegt, sondern weil er eine bestimmte Vorstellung davon hat, was die Geschichte über Odysseus eigentlich erzählen soll. Und genau da beginnt die wirklich spannende Diskussion.
Nolan macht aus Homer nur einen weiteren Nolan-Film
Das ist vermutlich der wichtigste Punkt in der breiten Debatte, das Erbe von Homer sieht sich in Gefahr verletzt zu werden. Wenn man Nolan kennt, erkennt man gewisse Themen sofort wieder: Zeit, Erinnerung, Schuld, Identität, Heimkehr, Realität und Illusion – die Konsequenzen menschlicher Entscheidungen. Das passt erstaunlich gut zur Odyssee. Aber Nolan verschiebt dadurch auch den Schwerpunkt.
Homer erzählt einen unglaublich widersprüchlichen Odysseus: Er ist intelligent, charismatisch und ein großer Held, aber gleichzeitig eitel, manipulativ, gewalttätig und teilweise selbst für seine Katastrophen verantwortlich.
Nolan interessiert sich offenbar stärker für den innerlich verwundeten Helden, den Mann, der nach einem Krieg nach Hause zurückkehrt und mit den Folgen seiner Taten leben muss. Das ist grundsätzlich eine legitime Interpretation. Aber es ist eben Nolans Odysseus, nicht einfach Homers Odysseus. Und genau darüber wird nun gestritten.
Und dann kommt die politische Dimension hinzu
Leider ist ein Teil der Diskussion inzwischen erheblich politisiert worden. Insbesondere die Besetzung von Lupita Nyong’o als Helen löste bereits lange vor dem Kinostart heftige Reaktionen aus. Elon Musk und andere Kommentatoren machten daraus eine Debatte über Wokeness, Rassismus und fehlende historische Authentizität. Das hat die Diskussion massiv aufgeheizt. Interessanterweise weisen Altertumswissenschaftler darauf hin, dass selbst die Behauptung, Homer beschreibe Helen schlicht als „die schönste weiße Frau der Welt“, so nicht stimmt. Viele Vorstellungen über Helen stammen aus späteren Entwicklungen der griechischen Mythologie und nicht direkt aus Homer. Dadurch wurde eine eigentlich interessante Frage „Wie soll ein moderner Film mit einer antiken Figur umgehen?“ zu einem Stellvertreterkrieg über gegenwärtige Kulturpolitik.
Was wäre überhaupt eine „authentische“ Odyssee?
Nehmen wir an, Nolan hätte ausschließlich griechische Schauspieler eingesetzt, exakt rekonstruierte mykenische Waffen verwendet, Schiffe nach archäologischen Befunden gebaut, historische Kleidung rekonstruiert und keinerlei modernes Englisch verwendet, dann wäre der Film möglicherweise historisch authentischer, aber nicht unbedingt homerischer im Sinne der Original-Geschichte.
Denn Homer selbst erzählt keine archäologisch rekonstruierte Bronzezeit. Er erzählt eine mythische Vergangenheit aus der Perspektive einer viel späteren griechischen Gesellschaft. Das bedeutet, dass eine gewisse Vermischung von Zeiten und Gedankenwelten (Weltbildern) gewissermaßen schon zum Wesen der Odyssee gehören. Und deshalb finden wir diese Frage äußerst spannend:
Ist Nolans Film eine Verfälschung Homers oder macht Nolan genau das, was Homer selbst mit älteren Geschichten getan hat: eine uralte Geschichte nehmen und sie für seine eigene Zeit neu erzählen?
Wieso gibt Nolan der Geschichte nicht einfach einen komplett neuen Namen?
Wenn Christopher Nolan die Handlung, Figuren, Tonalität und sogar zentrale Aussagen gegenüber Homer verändert, warum dann überhaupt noch den Film „Die Odyssee“ nennen? Würde er sich und uns allen damit nicht viel Zünd- und Konflikt-Stoff sparen?
Eine mögliche Antwortet lautet: Weil der Name für Christopher Nolan nicht nur den konkreten Text bezeichnet, sondern das kulturelle Grundmuster der Geschichte. Und gleichzeitig birgt der Titel natürlich auch ein gewaltiges Marketingkapital. Wen würde eine komplett neue Geschichte ohne mythologischen Cliffhanger für drei Stunden vor die Kinoleinwand locken?
Nolan selbst sagt, er wollte die Geschichte „in a fresh and modern way“ erzählen und sie für ein zeitgenössisches Publikum so zugänglich machen, wie sie es für Homers Publikum gewesen sei. Der Film wird insofern auch offiziell ausdrücklich als Adaption von Homers Epos vermarktet.
Ab wann ist eine Adaption eigentlich keine Adaption mehr?
Nolan nennt seinen Film „The Odyssey“. Und damit macht er eine ziemlich starke Behauptung: „Das, was ich hier erzähle, ist noch immer Homers Odyssee – nur meine Version davon.“ Das ist nicht ungewöhnlich. Auch Shakespeare hat selbst ältere Stoffe radikal umgearbeitet. Andere moderne Filmemacher verändern ebenfalls teilweise erheblich und behalten die Namen. Bei einem Werk wie der Odyssee ist das sogar besonders naheliegend, weil der Stoff bereits seit Jahrtausenden immer wieder neu erzählt wird.
Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied bei Nolans Odyssee
Bei Nolan kommt hinzu, dass er den Film nicht als „freie Inspiration nach Homer“ verkauft wird. Universal nennt ihn ausdrücklich Homers „foundational saga“, und in den offiziellen Credits steht Homer als Urheber der Geschichte, Nolan nur als Drehbuchautor. Das erzeugt beim Publikum eine Erwartung: „Ich gehe in einen Film über Homers Odyssee.“ Demnach darf der Zuschauer natürlich fragen: „Moment – warum ist das jetzt so anders?“
Genau deshalb ist die gegenwärtige Diskussion auch so heftig. Aktuelle Vergleiche zeigen, dass Nolan etliche Handlungselemente gegenüber dem Epos verändert, gekürzt oder komplett neu gewichtet hat.
Die Odyssee gehört niemandem.
Die Odyssee ist kein Roman von Christopher Nolan, den er möglichst wortgetreu verfilmen müsste. Sie ist ein mythischer Erzählstoff, der schon vor Homer aus älteren mündlichen Traditionen entstanden ist. In diesem Sinne ist Nolan eigentlich nur Teil einer sehr langen Tradition von alter Geschichte, welche in einer neuen Zeit neue Interpretation in die Erzählung einfließen lässt.
Was muss von Homers Odyssee übrig bleiben, damit wir eine neue Version noch sinnvoll Odyssee nennen können?
Bei dieser Frage kann man Nolan durchaus kritisch betrachten. Denn wenn man den Odysseus, seine Motivation, seine Sexualität, seine Grausamkeit, seine List, sein Verhältnis zu den Göttern und die moralische Mehrdeutigkeit so stark verändert, dass aus dem homerischen Menschen ein anderer Held wird, dann ist die Frage berechtigt, ob man nicht irgendwann eher von „einem Nolan-Film nach Motiven aus Homer“ sprechen sollte.
Interessanterweise kritisiert genau das inzwischen auch die Philologin Emily Wilson, deren Übersetzung Nolan als wichtige Inspiration verwendet hat. Sie wirft dem Film unter anderem vor, zentrale Motivationen und Themen des homerischen Textes zu verlieren.
Ein Titel wie „The Return of Odysseus“ oder „Beyond Ithaca“ hätte Christopher Nolan deutlich mehr Freiheit gegeben. „The Odyssey“ beansprucht dagegen eine gewisse Treue zum Original und genau dadurch legt Christopher Nolan die Messlatte an sich selbst extrem hoch.
Nolan bewahrt die äußere Struktur von Homers Geschichte, aber er verändert zunehmend das Menschenbild dahinter
Was sehr eindeutig von Homer übernommen ist, ist die Geschichte der Heimkehr. Odysseus kommt aus dem Trojanischen Krieg und will nach Ithaka zu Penelope und Telemachos zurück. Er ist jahrelang unterwegs, verliert seine Gefährten und muss zahlreiche Prüfungen bestehen. Das ist der Kern der homerischen Odyssee und Nolan behält ihn.
Auch die entscheidende Frage, ob ein Mensch nach einem Krieg überhaupt wieder derjenige werden kann, der er vorher war, wird in Nolans Interpretation übernommen. Nolan verschiebt den Schwerpunkt jedoch mehr auf Trauma und Schuld. Aber auch Homer erzählt schon über einen Odysseus, der nach zehn Jahren Krieg – und zehn Jahren Irrfahrt – ein anderer Mensch geworden ist.
Der Kyklope
Die Begegnung mit dem Kyklopen ist weiterhin da: Höhle, Gefangenschaft, Blendung, Flucht unter den Schafen. Aber Nolan nimmt ausgerechnet das heraus, was den homerischen Odysseus charakterisiert: seine List. Bei Homer nennt er sich „Niemand“, täuscht Polyphem, nutzt dessen Trunkenheit und überlistet die anderen Kyklopen. Später macht er allerdings den verhängnisvollen Fehler, seinen richtigen Namen zu verraten. Dadurch kann Polyphem seinen Vater Poseidon gegen ihn anrufen. Nolan reduziert diesen Wortwitz und die Täuschung erheblich. Der Kyklop spricht kaum und Odysseus muss ihn vor allem überleben, nicht intellektuell besiegen. Und dann fügt Nolan sogar einen Pfeil in das bereits zerstörte Auge ein, wodurch Odysseus die Feindschaft Poseidons gewissermaßen selbst noch einmal verschärft. Hier wird Odysseus zunehmend zu Nolans Interpretation.
Circe, die mächtige Zauberin, die Männer in Schweine verwandelt
Bei Homer ist Circe (mächtige Zauberin und Hexe aus der griechischen Mythologie) eine ausgesprochen ambivalente Figur. Sie verwandelt Odysseus‘ Männer in Schweine. Odysseus widersteht ihr mit Hilfe des Gottes Hermes, zwingt sie dadurch gewissermaßen zur Anerkennung seiner Überlegenheit und anschließend werden die beiden ein Liebespaar. Circe wird danach zu einer Helferin. Odysseus und seine Männer bleiben ein ganzes Jahr bei ihr. Sie gibt ihnen Ratschläge für die Weiterreise und erklärt ihnen, wie sie in die Unterwelt gelangen können.
Nolan macht daraus etwas völlig anderes: eine kurze, düstere Horrorbegegnung. Circe wird weniger zur erotischen Partnerin und Helferin als zu einer bedrohlichen Figur. Das ist nicht bloß Kürzung. Nolan verändert die Funktion der Frau und damit die Beziehung zwischen Odysseus und Circe.
Bei Homer lautet die Botschaft ungefähr: Odysseus kann einer mächtigen Frau begegnen, ihr widerstehen und anschließend mit ihr kooperieren. Bei Nolan ist es eher: Odysseus muss einer traumatischen Bedrohung widerstehen. Das ist ein ganz anderer Ton und lässt Odysseus in einem völlig andren Licht erscheinen.
Calypso, die Nymphe, die Odysseus sieben Jahre lang auf ihrer Insel Ogygia festhielt
Homer erzählt, dass Calypso Odysseus sieben Jahre auf ihrer Insel fest hält. Sie liebt ihn und bietet ihm sogar Unsterblichkeit an. Odysseus lehnt letztlich ab, weil er Penelope und Ithaka zurückhaben will. Das ist eine der großen Aussagen von Homers Odyssee: Odysseus entscheidet sich für das sterbliche menschliche Leben statt für göttliche Unsterblichkeit.
Nolan verändert diese Grundaussage fundamental. Seine Calypso gibt Odysseus Lotus, wodurch seine Erinnerungen und sein Selbstgefühl verschwimmen. Sie wird damit fast zu einer psychologischen Therapeutin, oder zu einer Droge, die ihn vergessen lässt, wer er eigentlich ist.
In Nolans Film wird die Begegnung mit Calypso durch das Motiv des Vergessens und des Verlusts von Erinnerung neu akzentuiert. Das ist thematisch ausgesprochen elegant, aber es ist eben nicht mehr Homers Calypso.
Der vielleicht größte Eingriff in Homers Odyssee: die Götter
An dieser Stelle könnte man in der Tat behaupten, dass Christopher Nolan sogar das Genre des Films verändert. Bei Homer sind die Götter keine Hintergrundmusik, sondern sie sind aktive Individuen im Handlungsstrang. Zeus und Athena reden miteinander. Athena unterstützt Odysseus. Poseidon hasst Odysseus. Hermes greift ein. Die Götter diskutieren, manipulieren und beeinflussen die Menschen.
Nolan nimmt das fast vollständig heraus (warum?). Zeus erscheint überhaupt nicht, Poseidon bleibt unsichtbar und Athena wird zu einer viel rätselhafteren Erscheinung, die eher wie eine Vision oder ein inneres Gewissen Odysseus‘ wirkt. Das ist eine gigantische Veränderung der Erzählung von Homer, denn bei Homer lautet die Weltordnung, dass die Menschen handeln und die Götter ständig in die menschliche Welt eingreifen.
Bei Nolan lautet die Erzählung, dass Menschen handeln und mit den psychologischen Folgen ihrer Entscheidungen leben müssen. Das ist fast schon der Übergang vom antiken Epos zum modernen psychologischen Drama.
Die Unterwelt: Homer wird zum Trauma-Rückblick
Bei Homer geht Odysseus in die Unterwelt und trifft dort eine ganze Reihe von Toten. Einer der berühmtesten Dialoge dort ist sein Gespräch mit Achilles. Odysseus gratuliert ihm sinngemäß zu seinem Ruhm im Tod und Achilles antwortet mit einer der erschütterndsten Aussagen des gesamten Epos: „Lieber möcht‘ ich als Tagelöhner das Feld eines andern / Bestellen, eines armen Mannes, der selbst kaum zu leben hat, / Als über alle die Toten, die Dahingesunkenen, herrschen!“
Das ist philosophisch enorm wichtig, jedoch Nolan lässt Achilles komplett weg (warum?). Stattdessen bekommt Odysseus einen sehr persönlichen Geist. Sinon, den jungen Soldaten, der mit dem Trojanischen Pferd verbunden ist. Sinon wird bei Nolan zu einer Figur, die Odysseus mit der Verantwortung für seine Kriegstaktik und die daraus resultierenden Toten konfrontiert.
Und hier passiert etwas Entscheidendes. Homer fragt: „Was bedeutet Ruhm angesichts des Todes?“ Homer befasst sich somit mit der Frage: „Was ist heroischer Ruhm wert, wenn man dafür sein Leben verliert?“ Und Nolan fragt: „Was bedeutet Schuld angesichts des Todes?“ Wir schlussfolgern daraus, dass Homer die heroische Welt von innen heraus kritisiert und Nolan kritisiert diese Welt mit den moralischen Kategorien der Gegenwart.
Nolan erfindet den Odysseus nicht komplett neu, aber …
… Nolan verschiebt die Ursache und Bedeutung Odysseus‘ innerer Konflikte. Unser klassisches Bild vom listigen und heldenhaften Odysseus kommt teilweise sogar aus der falschen Richtung. Er ist bei Homer eben nicht einfach der tapfere, edle Krieger, sondern auch ein Lügner, ein Manipulator, ein Meister der Täuschung und außerordentlich intelligent. Seine größte Waffe ist nicht sein Schwert, sondern sein Verstand.
Nolan nimmt davon einiges weg und ersetzt es durch Schuld, Kriegstrauma, Durchhaltevermögen und Sehnsucht nach Zuhause. Das ist bestimmt nicht zufällig. Denn der neue Odysseus ist dadurch näher an Figuren wie zum Beispiel Nolans Bruce Wayne (Batman): ein Mann, der von seiner Vergangenheit verfolgt wird und durch einen langen inneren Prozess zu einer Entscheidung gelangen muss. Nolan verfilmt nicht mehr primär die Geschichte des listenreichen Odysseus. Er benutzt die Odyssee, um eine typische Christopher-Nolan-Geschichte zu erzählen. Diese Lesart wird auch von aktuellen Analysen gestützt: Der Film verschiebt den Schwerpunkt ausdrücklich von Mythologie hin zu Krieg, Schuld, Erinnerung und Trauma.
Schlusswort
Christopher Nolan hat Homers Handlung als Gerüst genommen und daraus eine psychologische Neuinterpretation gemacht. Bis zu einem gewissen Punkt funktioniert das hervorragend, aber es gibt auch einen Preis dafür. Je weniger listreich, widersprüchlich, manipulierend und götterabhängig Odysseus wird, desto weniger bleibt von der eigentümlichen Figur übrig, die Homer geschaffen hat.
Und vielleicht liegt genau darin der Grund, warum der Film derzeit so heftig diskutiert wird: Nicht weil Nolan ein paar Kostüme verändert hat, sondern weil er die moralische und psychologische Bedeutung des Helden selbst verändert hat. Auch Emily Wilsons aktuelle Kritik zielt genau auf diesen Verlust an Motivation und thematischer Tiefe.
Vielleicht ist Nolans „Odyssey“ deshalb gerade dann interessant, wenn sie nicht mehr vollständig Homer ist. Denn in der Distanz zwischen Homer und Nolan erkennen wir nicht nur, was sich in 2.800 Jahren verändert hat – sondern auch, welche Fragen unsere eigene Zeit an einen uralten Mythos stellt.
Bewahren oder neu erzählen?
Letztendlich stellt sich damit vielleicht noch eine ganz andere Frage: Wollen wir das Bestehende vor allem als Andenken bewahren – oder sind wir bereit, Altes immer wieder zu verändern, um ihm in unserer Gegenwart neuen Raum zu geben? Gerade die Archäologie zeigt, wie schwierig dieser Spagat sein kann. Wir versuchen, die Überreste vergangener Kulturen zu bewahren und zu rekonstruieren, weil wir wissen, dass wir das Verlorene später nicht einfach zurückholen können. Was einmal zerstört oder entfernt wurde, lässt sich oft nur noch unvollständig rekonstruieren.
Gilt das nicht auch für überlieferte Geschichten und Gedankenwelten?
Wenn wir alte Erzählungen immer stärker an unsere heutigen Vorstellungen anpassen, besteht dann nicht die Gefahr, dass irgendwann nicht mehr erkennbar ist, was die Menschen früher tatsächlich gedacht, geglaubt und erzählt haben? Und könnten wir es eines Tages bereuen, bestimmte Elemente unserer kulturellen Vergangenheit soweit verändert oder verdrängt zu haben, dass wir keinen unmittelbaren Zugang mehr zu ihnen besitzen?
Vielleicht müssen wir deshalb beides zulassen
Die Freiheit, alte Geschichten neu zu erzählen, und gleichzeitig die Verantwortung, ihre ursprüngliche Gestalt nicht verschwinden zu lassen. Denn vielleicht ist eine alte Geschichte nicht nur deshalb wertvoll, weil wir sie heute noch verstehen oder gutheißen. Vielleicht ist sie gerade deshalb wertvoll, weil sie uns zeigt, wie anders Menschen vor uns gedacht haben.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung von Christopher Nolans The Odyssey: Nicht nur darin, dass Nolan Homer für unsere Zeit neu erzählt, sondern darin, dass wir durch den Vergleich überhaupt erst bemerken, wie sehr sich unser eigenes Weltbild von demjenigen Homers unterscheidet.




